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Der Heroismus der Bildungspolitik

"Ziffel: Wir könnens so ausdrücken: wenn der Bildungsdrang in einem Land einen so heroischen und selbstlosen Anstrich kriegt, daß er allgemein auffällt und für eine hohe Tugend gehalten wird, wirft das ein schlechtes Licht auf das Land."
(Bertold Brecht, Flüchtlingsgespräche)

Ja, an heroischen Apellen mangelt es momentan nicht in der österreichischen Bildungspolitik. Vorläufiger Gipfel dieser Sager, neben den unbeholfenen Exkursen der Bildungsministerin in das schöne Fach der Klassischen Philologie, in denen sie die gewagte These aufstellte, "autonom" (auto = selbst, nomos = Gesetz) hieße nicht, daß man tun könne, was man wolle, war wohl die Aussage eines Industriellenbeirats, auf der Uni hätte man es bis jetzt mit der Freiheit zu weit getrieben. Also mögen sich doch bitte alle zusammenreißen, vernünftig sein und selbstlos und heroisch Leistung fürs Vaterland, das in diesen Zusammenhängen lieber Standort genannt wird, erbringen. Aber auch von studentischer Seite wird mehr Leistung eingeklagt: Die ÖVP-nahe Aktionsgemeinschaft nimmt auf ihren neuen Plakaten dafür sogar das Wort Perestroika (=Umbau) in den Mund. Es ist wohl wieder einer der berühmten Treppenwitze der Geschichte, daß der Name eines Unterfangens, den real existierenden Sozialismus leistungsfähiger zu machen um die Systemkonkurrenz gegen den Kapitalismus zu schlagen, nun für die Werbung einer bürgerlichen StudentInnen-Fraktion herangezogen wird, zumal ja der Erfolg dieser Umbaus, zumindest was den Sieg über den Kapitalismus betrifft, nicht ganz der gewünschte war. Aber auch der VSStÖ schreit auf, wenn durch Studiengebühren "nicht Leistungsfähigkeit (...) das entscheidende Kriterium für den Hochschulzugang sein (wird)". Die Kritik, daß Studiengebühren deshalb abzulehnen seien, da sie den an sich guten Wettbewerb verzerren würden, ist eine zumindest originelle, und diese Weise der Kritik soll weiter unten noch kurz unter die Lupe genommen werden. Zunächst steht aber einmal eine kurze Besichtigung der allgemeinen Leistungstrunkenheit an.

Die Forderung nach mehr Leistung, die in Form von Studiengebühren gegen die "BummelstudentInnen" und mit einem neuen Dienstrecht gegen die "pragmatisierten, also trägen Lehrenden" durchgesetzt werden soll, ist nicht von heute auf morgen entstanden. In anderer Form als der jetzigen von der Regierung durchgepeitschten Variante zeichnete sie sich schon länger ab. Das Papier der Rektorenkonferenz, das schon Ende des Sommersemesters bei manchen Studierenden die Alarmglocken schrillen ließ, ist auch nur ein Punkt einer längern Entwicklung, die sich mit den Schlagwörtern Uniautonomie Verbetriebswirtschaftlichung und Aufbau einer standortgerechten Dienstleistungshochschule umreißen läßt.

Technokratisierung

Die hochgelobte Autonomie der Unis heißt im Klartext, daß die einzelnen Unis als Akteure den freien Markt betreten und sich um das knappe, vom Staat ausgeschüttete "Globalbudget" untereinander streiten müssen. Unter dem Motto "Raus aus dem geschützten Bereich" werden sowohl Forschung als auch Lehre Marktmechanismen unterworfen. In der Forschung heißt dies, da ja die Uni selbst mit ihrem Budget haushalten muß, daß nun verstärkt auf Drittmittelfinanzierung zurückgegriffen wird, also Firmen sich finanziell am Forschungprozeß beteiligen. Es liegt auf der Hand, daß dabei nicht marktkonforme oder gar kritische Inhalte nicht berücksichtigt werden, wie das ja auch schon die Meldung des Finanzminsisters, daß die Orientalistik nicht unbedingt gebraucht werde, andeutete. In der Lehre zeichnet sich auch schon seit längerem ab, daß die einzelnen Veranstaltungen über die sog. "Evaluierung" Warencharakter annehmen. Dabei werden die Veranstaltungen mittels Fragebögen dahingehend beurteilt, wie viel sie denn dazu beigetragen hätten, dem gewünschten Berufsziel näher zu kommen. Ein Effekt dieser durch Evaluierung und Verschulung forcierten Vergleichbarkeit und leichteren Verwaltbarkeit der Fächer fiel schon 1969 einem studentenbewegten Gesellschaftskritiker auf, der darin einen Rückschritt erkannte: "(...) insofern durch die Anpassung geistiger Arbeit an kapitalistische Arbeitszeitnormen - und darin besteht Technokratisierung der Hochschule; das bedeutet, daß die qualitative Zeit bildungsgeschichtlicher Reflexionsprozesse immer mehr an geistige Arbeitszeitnormen angepasst wird - daß diese Anpassung es erschwert, überhaupt noch Gesellschaft als Ganzes zu durchschauen." [1]

So eine sich am Markt bewährende Universität will schlagkräftig organisiert sein: Für die Teilnahme aller universitärer Kurien an Entscheidungsprozessen bleibt da kein Platz. Wurde die Drittelparität, also die Besetzung von Gremien zu gleichen Teilen mit Studierenden, AssistentInnen und Profs schon bei der letzten Reform, der Einführung des UOG 93 verwässert, und überhaupt die Position dieser Gremien geschwächt, machen sich jetzt schon bei Frühstück mit dem Bundeskanzler manche Profs laute Gedanken darüber, daß die elitenträchtigsten Universitäten ja ganz ohne inneruniversitäre Mitbestimmung auskämen.

Das Elend der Studierenden

Die Aufgabe, die Unis im Bildungssystem immer schon innehatten, nämlich die Bereitstellung des nötigen Personals für die oberen Etagen in der Hierarchie der Berufe, wird noch einmal radikalisiert. Den wechselnden Bedürfnissen des Arbeitsmarkts entsprechend wird ein Ideal des "lebenslangen Lernens" propagiert, das nicht umsonst an eine Haftstrafe gemahnt. Die Individuen sollen die Tatsache, daß es einen Arbeitsmarkt gibt, auf dem es natürlich auch VerliererInnen gibt, als Herausforderung begreifen und immer flexibel und kreativ mit den vielgepriesenen Zusatzqualifikationen Marktnischen erschließen oder gar neue Märkte eröffnen. "Indem der Staat von einer Nachfrage- zu einer Angebotsagentur der Ware Arbeitskraft wird, wandeln sich die Anforderungen an die Individuen: von konformistischen KonsumentInnen und braven, untertänigen ArbeiterInnen, denen ihre geleistete und vom Nachfragestaat als wertvoll gesicherte Arbeit als Beweis und Argument ihrer Zugehörigkeit zum Verteilungspakt hinreichte, zu Veredelungsakteuren ihrer eigenen Ware Arbeitskraft." [2] Den Individuen wird also die Aufgabe gestellt, sie mögen sich einen Zwang als Chance zurechtlegen. Dabei wird das, was die Individuen ausmacht, ihre Individualität, selbst vom Zweck zum Mittel: Um in der Konkurrenz bestehen zu können, muß man sich besonders individuelle Zusatzqualifikationen zulegen, die dabei doch tendenziell vom Arbeitsmarkt vorgegeben sind. Daß das der Boden ist, auf dem autoritäre Charaktere aufs ersprießlichste gedeihen erkannte auch Theodor W. Adorno, als er die Zwieschlächtigkeit der Bildung diskutierte: Einerseits habe diese natürlich mit Realitätsanpassung zu tun: "Erziehung wäre ohnmächtig und ideologisch, wenn sie das Anpassungsziel ignorierte und die Menschen nicht darauf vorbereitete, in der Welt sich zurechtzufinden. Sie ist aber genauso fragwürdig, wenn sie dabei stehenbleibt und nichts anderes als "well adjusted people" produziert, wodurch der bestehende Zustand, und zwar gerade in seinem Schlechten, erst recht sich durchsetzt." [3]

Also gilt es genau diese Binnenrationalität, der die Individuen folgen, und die selbst der gesellschaftlichen Verfaßtheit entspringt auf Schliche zu kommen und zu opponieren, was sich aber als gar nicht so leicht herausstellt: " Trifft aber zu, was vorhin angedeutet habe, daß die Realität so übermächtig geworden ist, daß sie den Menschen sich von vornherein aufzwingt, so würde wohl jener Anpassungsprozeß heute eher automatisch besorgt. Erziehung durchs Elternhaus, (...) durch die Schule, durch die Universität hätte in diesem Augenblick des allgegenwärtigen Konformismus vorweg eher die Aufgabe, Widerstand zu kräftigen, als Anpassung zu verstärken." [4]

Wie soll solcher Widerstand nun aussehen? Diese Frage läßt sich wohl nur indirekt beantworten, wie er denn sicher nicht aussehen soll: Kritik kann sich nicht darin erschöpfen, einer gesellschaftlichen Institution Interessen zu unterstellen die diese nicht hat: "Der Staat trägt deshalb die Verantwortung für Zugang, Auf- und Ausbau sowie Ausgestaltung der Bildungsinstitutionen. Bildung und Wissen müssen allen Menschen in gleichem Maße zugänglich sein und Instrumente für die Umverteilung von Wissen, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Güter darstellen." Das steht, stellvertretend für viele ähnliche Äußerungen von verschiedenen Seiten auf der Homepage des VSStÖ zu lesen. Die richtige Erkenntnis im ersten Satz, daß der Staat als gesellschaftlicher Gesamtorganisator auch für die Bildung zuständig ist, wird durch die Ergänzung verfälscht, er habe damit auch automatisch ein Interesse daran, daß alle Menschen gebildet seien. Diese Form konstruktiver Kritik, die ihre Objekte nicht auf ihre Abschaffungswürdigkeit überprüft, sondern positive Anknüpfungspunkte sucht, wurde von Adorno als "pontifikale Haltung" bezeichnet: "Der Macht wird gut zugeredet, sich in ihren guten Absichten nicht beirren zu lassen. Die Sprache solcher Zeitungen klingt an die von Regierungsverlautbarungen an, selbst wo gar nichts von Regierungs wegen verlautbart wird. Hinter der pontifikalen Haltung steht die autoritätsgebundene: sowohl bei denen, welche sie einnehmen, wie bei den Konsumenten, auf die man es klug abgesehen hat."[5] Diese Kritik spielt also erst recht dem undurchschauten gesellschaftlichen Zwang in die Hände. Radikal anders müßte Kritik etwas so aussehen, wie es ein Gesellschaftskritiker des vorigen Jahrhunderts ausgedrückt hat: "Man muß diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt." (Marx)

[1] Krahl, Hans-Jürgen: Konstitution und Klassenkampf. Schriften und Reden 1966-1970, Frankfurt a. M. (Neue Kritik), 1985, S. 319
[2] Pirker, Peter: Un-heimliche Verwandtschaft. Zum Naheverhältnis von Zivil- und Bürgergesellschaft, in: Streifzüge 3/2000
[3] Adorno, Theodor W.: Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker, Frankfurt a. M. (suhrkamp), 1971, S. 109
[4] Ebd., S. 110
[5] Adorno, Theodor W.: Kritik, in: Kritik. Kleine Schriften zur Gesellschaft, Frankfurt a. M., (suhrkamp), 1971, S. 16