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Studiengebühren oder: Bildung! Wozu?

"Da preist man uns das Leben großer Geister
Das lebt mit einem Buch und nichts im Magen
In einer Hütte, daran Ratten nagen
Mir bleibe man vom Leib mit solchem Kleister!"

(Ballade vom angenehmen Leben, Bert Brecht)

Anscheinend sind alle einer Meinung: Gegen die Studiengebühren muß protestiert werden. Wenn auch meist aus denkbar blöden Gründen. Die AG-dominierte Bundes-ÖH ist darüber hinaus noch moralisch schockiert: "Sie haben euch belogen", ist auf ihren Plakaten zu lesen, gemeint sind der Bundeskanzler und die Bildungsministerin. Der Schock ist verständlich, fällt doch die Mutterpartei der Tochterorganisation offensichtlich in den Rücken, und das ohne Vorwarnung über die sonst bewährten männer-bündlerischen Cartellverbandsseil-schaften (CV, MKV). Die moralische Empörung zeigt allerdings, dass die Einsicht in politische Mechanismen unter das Niveau eines wohlbekannten, wenn auch nicht wohlgelittenen italienischen Renaissancemenschen fällt: "Ein kluger Herrscher darf daher sein Wort nicht halten, wenn es ihm zum Nachteil gereicht und wenn die Gründe fortgefallen sind, die ihn veranlasst hatten, sein Versprechen zu geben." (Machiavelli) Die Einsicht, dass Herrschaft anderen Zwecken gehorcht als den von der AG unterstellten, wird durch ein Insistieren auf ebendiese vorgestellten Zwecke ersetzt.

Abseits dieses moralinsauren Aufheulens gibt die AG zu erkennen, dass sie grundsätzlich nichts gegen Gebühren einzuwenden hat, wenn nur die Gegenleistung stimmen würde: "Überfüllte Hörsäle, fehlende Praktikumsplätze, stundenlanges Schlangestehen, keine Prüfungstermine, monatelanges Warten auf Diplomarbeits-Approbationen. Uni-Alltag in Österreich. Dafür sollen wir künftig 10.000 Schilling jährlich zahlen", ist auf ihrer Homepage gegen Studien-gebühren zu lesen. Fazit: Unireform statt Studiengebühren. Denn stimmt das Angebot, sind also alle diese Hemmschuhe einer ungebremsten Leistungsentfaltung beseitigt, sehen bürgerliche Subjekte sofort ein, dass das seinen Preis haben muss.

Grundsätzlich bereit, Leistung zu zeigen, sind alle, und nichts ist verhasster als das Klischee des "Bummelstudenten". So schreit auch der VSStÖ in Form von Flugblättern auf, wenn "nicht Leistungsfähigkeit (...) das entscheidende Kriterium für den Hochschulzugang sein (wird)". Denn dass es einen Konkurrenzkampf gibt, dessen fragwürdige Prämie die etwas höhere Positionierung in der lohn-arbeitsförmigen Berufshierarchie ist und bei dem es nicht nur SiegerInnen geben kann, ist gegessen. Eingefordert wird nur die Chancengleichheit beim Start des Rennens; dass dabei Leute auf der Strecke bleiben, ist klar. Nur noch die wenigen utopistischen "Weicheier", die noch nicht kapiert haben, dass auf Unis Fachausbildung und Vorbereitung auf Beruf und Arbeitsmarkt betrieben werden, können sich daran stoßen.

Nicht umsonst war eine der Fragen, die das Team rund um den Sozialwissenschafter und Philosophen Theodor W. Adorno in den "Studien zum autoritären Charakter" stellte, auf die Universitäten gemünzt. Diese Studie stellte in den 40er Jahren den Versuch dar, autoritäre Charaktertendenzen in der Bevölkerung festzustellen. Ein Element dieser Tendenzen wird als Verweigerung der Einsicht in innere, in geistige Vorgänge beschrieben. Auf Universitäten bezieht sich dann die Frage, wer der Feststellung zustimmen würde, dass an den Unis zu viel Wert auf intellektuelle und theoretische Themen gelegt wird und nicht genug auf praktische Dinge und die erdigen Tugenden des Lebens. Der Inhalt dieser Frage, die damals noch aus wissenschaftlichem Interesse gestellt werden konnte, da das Einordnen in das nun einmal Bestehende um des Bestehenden willen kritisch gesehen wurde, ertönt heute von Seite der StudentInnen. "Bessere Berufsvor-bereitung für mehr Chancen am Arbeitsmarkt!", ist der Tenor der studentischen Forderungen.

Diese Postulate besitzen vom subjektiven Standpunkt aus insofern einen rationalen Kern, als der Zweck der Ausbildung an Unis in marktwirtschaftlich geregelten Gesell-schaften nicht der ist, dass Menschen lernen, sich "ihres Verstandes ohne die Leitung eines anderen zu bedienen" (Kant), wie das eine Grundforderung der Aufklärung war, sondern die bedarfsgerechte Verteilung des Menschenmaterials auf die Hierarchie der Berufe. Da wünscht sich jeder und jede eine gute Ausgangsposition. Dass aber nicht über diesen Zweck nachgedacht wird und er und seine Gründe kritisiert werden, sondern eine blinde Unterordnung unter ihn stattfindet, ist ein Problem der Studierenden und das Elend des Protestes. Wenn die Forderung nach Bildung Sinn machen soll, dann nur dahingehend, dass über eben diese gesellschaftlichen Verhältnisse, die diese Zustände zeitigen, nachgedacht wird und anhand der Ergebnisse dieser Überlegungen das Bestehende praktisch kritisiert wird. Dem Aufruf der AG in ihrer Zeitung "uni aktuell": "Hilf uns beim Aufzeigen der Missstände in deinem Studium!" muss die Antwort entgegengehalten werden, die der Kritiker der Politik Johannes Agnoli zu ähnlichem Anlass in einem Interview gab: Er sieht das Problem darin, dass viele Leute "dazu übergegangen sind, Missstände zu kritisieren und Missbräuche zu denunzieren, während es meines Erachtens gerade darauf ankommt, Zustände zu kritisieren und den normalen Gebrauch der Politik zu denunzieren."