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Verdinglichte Belanglosigkeiten

Vorwort

Die folgende Rezension zum Reader zu den WKR-Ball-Protesten ("Wir sollten mal dringend miteinander reden...") wurde Ende Oktober 2010 verfasst und Mitte November 2010 fertig gestellt. Von einer Veröffentlichung wurde dann jedoch abgesehen, da die zugehörige Diskussion des damals noch aktuellen WKR-Reader schon wieder verebbt war. Dass wir diesen Text nach fast einem Jahr nun doch veröffentlichen, ist der Tatsache zu verdanken, dass die darin angesprochenen Punkte nach wie vor gültig sind, wenn auch in teilweise veränderter Gestalt, wie sich auch die gesellschaftlichen Verhältnisse, die dahinter stehen, die selben geblieben sind. Eine der beiden Gruppen, die den Text verfassten (AuA!), hat sich mittlerweile aufgelöst. Da es uns nicht um Gruppen, sondern um die dahinter stehenden Sachverhalte geht, soll das nicht weiter relevant sein.

Nicht zuletzt hat der Text in den letzten Monaten erneute Aktualität erhalten: Denn das Antifa-Managementdenken und der Wunsch, dass ,,die Linke" in Österreich endlich wieder (?) eine Relevanz hätte - ohne zu fragen: Wofür eigentlich? - hat in einem Teil der diesjährig geplanten Protestaktionen gegen den WKR-Ball einen neuen Höhepunkt erreicht und ist als einziges Ziel übrig geblieben. Das Bündnis ,,Offensive gegen rechts" ist so etwas wie der ideelle Gesamtunfug in dem alle Unsinnigkeiten die nachfolgend kritisiert werden noch einmal in zugespitzter Form auftauchen.

Nachdem bei den Protesten gegen den WKR-Ball im Jänner 2010 und 2011 noch die Abgrenzung von der ,,Bewegungslinken" im Zentrum stand, bewiesen die diesjährigen Protestvorbereitungen, dass der Schritt mitten in diese und die ,,Zivilgesellschaft" hinein kein besonders großer war. In diesem Sinne veranschaulicht die ,,Offensive gegen rechts" die Kontinuität und Problematik des bewegungslinken Antifamanagements und dessen Mobilisierungsfetischs. T-Shirts mit dem ,,lustigen" und ,,politischen" Wording ,,Blockadetrainer*" bringen das gekonnt auf den Punkt. Kontinuität spiegelt sich auch darin wider, dass der arme Adorno einmal mehr als Zitateonkel missbraucht wird und sein kategorischer Imperativ, die Verhältnisse so einzurichten, dass sich Auschwitz nicht wiederhole, zur hohlen Phrase auf dem stylischen Mobi-Banner verkommt.

Der folgende Text ist nicht als ein "Diss" gegen konkrete Gruppen misszuverstehen, sondern als Kritik an Denkformen und den Verhältnissen, die diese hervorbringen. Der Text wurde, von einigen stilistischen Korrekturen abgesehen, nicht mehr überarbeitet und stellt somit die Diskussionsgrundlage von 2010 dar. Manches sehen wir heute vielleicht anders. Die prinzipielle Stoßrichtung des Textes ist aber leider immer noch richtig.

-- Basisgruppe Politikwissenschaft, Oktober 2011

Verdinglichte Belanglosigkeiten

Die Autonome Antifa Wien und die ,,Gruppe AuA!" haben einen Reader zur Nachbetrachtung der Proteste gegen den WKR-Ball bzw. die WKR-Bälle, die in den letzten Jahren stattgefunden haben, herausgegeben. Beide Gruppen waren bisher dem vernünftigeren Teil der Wiener Linken zuzurechnen, weshalb eine Auseinandersetzung mit diesem Reader als durchaus lohnend erscheint. Der Titel lautet ,,Wir sollten mal dringend miteinander reden..." (Utl.: ,,Nachbereitungs- und Diskussionsreader zu den bisherigen Mobilisierungen gegen den WKR-Ball") und ist in einschlägigen Szenelokalitäten zu finden.

Der Reader, der von Sprache, Aufbau und Inhalt her eine Art ,,linken Verfassungsschutzbericht" mit Schwerpunkt WKR-Ball darstellt, enthält mehrere lose zusammenhängende Artikel und Interviews. Neben einer Nachbetrachtung und Analyse vergangener Anti-Burschenschaftsproteste finden sich darin auch weitergehende Artikel zu ,,Theorie und Praxis", Geschlechterverhältnis im Schwarzen Block, Autonome Bündnisorganisation und - für die autonome Identität wohl besonders wichtig - Überlegungen zur Frage, inwiefern mit ,,bürgerlichen Institutionen" (worunter offensichtlich all jene gefasst werden, die sich nicht vornehmlich schwarz kleiden) zusammengearbeitet werden kann.

Glücklicherweise ist der Reader nahezu völlig theoriefrei, weswegen die AutorInnen den sonst üblichen Szene-Vorwurf, ,,männliche", "weiße" ,,Theorie-Macker" zu sein, erst gar nicht fürchten müssen. Da der Reader aber doch gute 44 Seiten dick ist, wird er trotz der vielen Bildchen wahrscheinlich nur von den wenigsten, die ihn durchblättern, auch tatsächlich gelesen werden. Da die Autonome ein durchschnittliches Lesepensum von 20 Seiten pro Jahr hat, dürfte das den Großteil der Zielgruppe vermutlich doch eher überfordern. Insofern wird der im Vorwort geäußerte Wunsch (,,Diese Textsammlung soll nicht in den Archiven verstauben und nicht im Zeitschriftenordner deiner WG verlorengehen" [S.3]) wohl kaum in Erfüllung gehen.

Die Motive für diesen Reader sind offensichtlich: Der Antifa-Karren ist im Dreck. Die letzten Proteste gegen den WKR-Ball waren ein Desaster. Es gibt keine straff organisierte Szene, die auf Zuruf sofort das tut, was ihre Möchtegern-Avantgarde ihnen anempfiehlt.

Das ist natürlich keine befriedigende Situation. Also braucht es findige Antifa-ManagerInnen die dafür sorgen, dass ,,die Bewegung wieder in Bewegung" [S. 28] kommt (I). Die Sprache ist verräterisch. Hier sind Szene-ManagerInnen am Werk, denen es nicht um Aufklärung, sondern um die Optimierung ihrer Mobilisierungsbilanz geht. Das wird auch nicht kaschiert, sondern selbstbewusst ausgesprochen: ,,Dem Ganzen übergeordnet wollen wir aber festhalten, dass es gilt jede Aktion [...] zu reflektieren und zu bilanzieren. Die selbstkritische Frage muss dabei immer sein, was das Ziel der jeweiligen Aktion war, ob die Handlungen tatsächlich zielgerichtet waren und wenn ja, ob mensch angesichts der gegebenen Umstände der Erreichung des gesteckten Ziels näher gekommen ist oder eben nicht" [S.8] (II). Aber es soll nicht nur um das Controlling der Shareholder Value, die sich hier eben in Personenzahlen ausdrückt, gehen. Auch das optimizing des business process genießt hohe Priorität: ,,Besonders zu Beginn der Bündnisarbeit wurde die zur Verfügung stehende Zeit nicht annähernd optimal genutzt". Unter optimaler Zeitnutzung kann man sich dabei folgendes vorstellen: ,,Doch umso näher der WKR-Ball rückte, gewann die Bündnisarbeit an Produktivität und es kam zu ersten konkreten Entscheidungen" [S. 9].

Diese Management-Attitüde ist an den gesellschaftlichen Verhältnissen gebildet, also falsches Bewusstsein. ,,Erfolg" kann in diesem Denkschema nur eine quantitative Kategorie sein: Wie viele Menschen konnten mobilisiert werden? Wie ,,bunt" und ,,plural" war dieses ,,Spektrum"? [vgl. S. 8] Wie nah ist man an die Nazis herangekommen? Usw.usf. Ist man aber einmal in diesem Denkschema gefangen, dann wird natürlich auch die identitäre Frage, wer den Lohn und Ruhm für die Organisation der Proteste einheimsen darf, entscheidend. So geht es im Artikel ,,Kann das nicht jemand anderes machen?", genau um die Frage, wie man es verhindern könnte, dass Trittbrettfahrer die Früchte der eigenen Arbeit ernten. Vordergründig wird die ,,Zusammenarbeit mit bürgerlichen Institutionen" besprochen. Hintergründig ärgert man sich, dass andere die Lorbeeren der eigenen, folgenlosen Mühe einheimst. Wie kann es denn sein, so wird gefragt, dass die bürgerlichen Medien ,,bürgerliche Institutionen" für die Demonstration verantwortlich machen, anstatt ,,[k]ategorische Kritik an Volk, Nation und Männerbünden" [S. 23] zu vermitteln. Ja, warum denn nur? Die eigentlich richtige Erkenntnis: ,,Denn nur eine Kritik, die sich konsequent den Regeln des politischen Tagesbetriebs verweigert, hat Chancen weder vereinnahmt zu werden, noch im parteipolitischen Geschäft unter zu gehen" [S. 25], wird zwar in den Text gepappt, aber selbst nicht ernst genommen. Eine Aktionsform würde sich dann nämlich von vornherein verbieten: die Demonstration.

Der von den AutorInnen ständig geäußerte Wunsch, dass man, bevor man zur Tat schreitet, sich doch zuerst einmal überlegen müsse, worum es denn überhaupt geht, wird selbst nicht vollzogen. Und so bleibt der Artikel ein einziges Herumeiern zwischen: ,,bürgerliche Institutionen sind toll, weil die haben Geld, Infrastruktur und Leute" einerseits und ,,bürgerliche Institutionen sind doof, weil die sind irgendwie bürgerlich und eigentlich nur die Vorstufe zum Faschismus" andererseits. Am Ende kommt man zu dem Schluss, zu dem man interessanterweise in allen anderen Reader-Artikeln auch kommt. Die Lösung ist ganz einfach: Organisation muss her. Nicht nur in diesem Punkt besteht eine so frappierende Ähnlichkeit zwischen dem sich hier präsentierenden ,,autonomen Antifaschismus" und der durchschnittlichen Wiener Trotzki-Sekte, von der man sich doch so gerne abgrenzen würde. Dieser Organisationsfetisch ist aber keineswegs zufällig. Er ist das Schanier zwischen Managementdenken und einem Theorie-/Praxisverständnis, auf das noch einzugehen sein wird.

,,Wenn wir bemängeln, dass Verbindlichkeit, inhaltliche Auseinandersetzung und Struktur schmerzlich vermisst wurden, ist das in erster Linie darauf zurückzuführen, dass die Leute schlicht und ergreifend nicht verbindlich und strukturiert organisiert sind", heißt es im Schlusswort [S. 43]. Müsste man sich vor der Organisationsfrage nicht wenigstens überlegen, wofür man sich überhaupt organisiert? Und muss man für kollektives Herumgehopse wirklich ,,verbindlich und strukturiert organisiert" sein?

Neben diesen inhaltlichen Problemen und den unzähligen Grammatik- und Rechtschreibfehlern ist aber vor allem der links-akademische Schreibstil ärgerlich. Ganze Absätze voller bedeutungsloser Phrasen strotzen von ,,kontextualisiert", ,,Manifestation", ,,artikulieren", etc., ohne inhaltliche Tiefe zu bekommen. Gleichzeitig betonen die Autorinnen die eigene Bodenständigkeit - was sich etwa darin ausdrückt, dass man nicht ,,abgehoben", sondern unbedingt ,,konkret" sein möchte.

"Die Freiheit die wir meinen"

Linke Selbstkritik ist in den letzten Jahren chic geworden. Solange man nur ,,konstruktiv" und in ,,emanzipatorischer Absicht" kritisiert, oder noch besser ,,kritisch hinterfragt", ist das nicht nur kein Problem in und zwischen den diversen linken Gruppen, sondern teilweise sogar explizit erwünscht. Denn ,,konstruktive", ,,emanzipatorische" Kritik ist folgenlose Kritik. Warum sie so beliebt ist, erklärt sich vielleicht schon alleine daraus, denn sie tut niemandem weh. Die einzigen Folgen, die sich dann doch hin und wieder aus solcher ,,Kritik" ergeben könnten, sind ein veränderter Jargon oder ein rhetorisches Abgrenzen von etwas, das in Wirklichkeit dennoch fröhlich weiter betrieben wird. Im konkreten Fall grenzen sich die Autorinnen beispielsweise ständig von der Bewegungslinken und dem Organisationsfetisch ab, obwohl diese rhetorische Abgrenzung vom Inhalt der Artikel ständig dementiert wird.

Folgerichtig beginnt auch der längste und scheinbar "wichtigste" (immerhin wurde ihm sogar eine eigene Veranstaltung gewidmet) Artikel des Readers (,,Der Freiraum den wir meinen...") mit der Phrase: ,,[e]ine konstruktive Reflexion über die diesjährigen Proteste [...]". Und genau so konstruktiv geht es im gleichen Absatz auch weiter:

,,Würde ein Reader, der sich der Nachbearbeitung widmet, lediglich einzelne Motivationsprobleme behandeln, so wäre zwar die erste positive Konsequenz aus den angeführten Kritikpunkten, dass sich mehr Personen für zukünftige Bündnisarbeit einfinden würden [Woher dieser Optimismus rührt bleibt schleierhaft, Anm.]. Allerdings ginge jedoch die Analyse an den eigentlichen Probleme [sic!] vorbei. Hier soll es nun weder darum gehen, andere politische Ansätze aus einer abgehobenen Position zu zerreden, noch darum [sic!] Antworten auf Fragestellungen zu geben, mit denen wir uns alle konfrontiert sehen [???]. Vielmehr werden hier Probleme aufgeworfen, die die lähmenden Diskussionen in Wien jeweils [sic!] der damit verbundenen Identitätspolitik wieder in Schwung bringen sollen und somit einen Beitrag für die Verbesserung der strukturellen Verfasstheit in Hinblick [sic!] auf zukünftige Mobilisierungen leisten können" [S. 27]

Man muss diesen Absatz schon öfters lesen, um eine leise Ahnung zu bekommen, was gemeint sein könnte. Es geht um eine Verbesserung der Mobilisierung zu antifaschistischen Protesten. Aber nicht nur das, ,,[d]enn schließlich sollte die Konsequenz eines solchen Readers nicht nur darin liegen, eine Verdoppelung der Personen zu bewirken [...]" - aber keine Angst, es geht nicht um die Entwicklung einer antifaschistischen Klonmaschine (,,Verdoppelung der Personen") - ,,sondern [darum,] einen Diskussionsprozess einzuleiten, der die ganze antifaschistische Bewegung wieder in Bewegung bringt" [S. 28]

Das eigentliche Ziel ist es also, der ,,radikalen Linken" vorzuwerfen, dass sie ein falsches Verständnis von Theorie und Praxis habe und sich deshalb in Freiräume zurückziehe, anstatt ,,draußen" [S. 32] für die gute Sache zu kämpfen. Gegen den ,,Freiraum" wird das ,,Autonome Zentrum" in Stellung gebracht, das sich durch nichts von ersterem unterscheidet, außer, dass dessen EinwohnerInnen über ein fortgeschritteneres Bewusstsein verfügen - woher dieses kommen soll wird leider nicht erklärt - und deshalb ,,die Gesellschaft mitsamt ihrer bestimmenden Kategorien als Ganzes zu erfassen" [S. 31] gelernt haben. Was es genau bringen soll, die Elendsverwaltungseinrichtung ,,Autonomes Zentrum" statt ,,Freiraum" zu nennen, geht aus dem Artikel ebenfalls nicht hervor. Der Verdacht, dass es sich dabei um die sonst bekrittelte ,,Identitätspolitik" [S. 27] handeln könnte, ist jedenfalls nicht von der Hand zu weisen.

Das eigentliche Problem der Freiraum-Ideologie, das durch die Umbenennung in Autonomes Zentrum auch nicht verschwindet, wird gar nicht erst angesprochen - und vermutlich auch gar nicht bemerkt. Der Freiraum als Versuch der Abspaltung von der Gesellschaft führt eben nicht dazu, dass gesellschaftliche Verhältnisse vor der jeweiligen Raumtüre halt machen. Somit ergibt sich aber automatisch das Problem der verallgemeinerbaren Regeln (Gesetze) und die Überwachung der Einhaltung derselben. Da man einerseits, ganz anarcho-idealistisch, keine Polizei und keine Gerichte haben will, aber trotzdem auch kein Laissez-faire zulassen kann, wird die Frage der Durchsetzung der Regeln, also die Frage der Gewalt, von der Willkür der ortsansässigen Gangs und Rackets abhängig; Freiraum ist somit Gewalt ohne Gewaltmonopol - der Unstaat im Staat. Dass es dennoch so selten zu offener Gewalt kommt, liegt vermutlich eher an der bildungsbürgerlichen Attitüde seiner Bewohnerinnen und deren jahrelang anerzogenen Selbstdisziplinierung als am ausgefeilten ,,Konzept".

Der Artikel führt weiter aus, dass das "Freiraumkonzept" nicht erkenne, dass auch der Freiraum in gesellschaftliche Verhältnisse eingemeindet sei. Das ist empirisch aber für Wien jedenfalls nicht haltbar. Denn anstatt zu glauben, dass man sich außerhalb der gesellschaftlichen Verhältnisse bewegen würde, ist in diesen Kreisen mittlerweile ein dauerndes darauf beharren, dass man ,,ja selbst ganz viele Sexismen, Rassismen, Antisemitismen [oder wie die willkürliche aktuelle Liste, die dabei gerne aufgezählt wird jetzt gerade auch aussehen mag - vermutlich ist nun auch "Homophobie" und "Transphobie" dabei] verinnerlicht habe", en vogue. Warum das alles verinnerlicht sei, fragt sich schon lange niemand mehr. Dass es irgendetwas mit der ,,kapitalistischen Gesellschaft" zu tun haben könnte, ist allerdings sicher - so sicher, dass auch darüber gar nicht mehr diskutiert werden muss.

Es ist kein Zufall, dass dieser Artikel zu dieser Fehleinschätzung kommt. Denn er wurde größtenteils von einem anderen Artikel namens ,,Freiraum oder richtig feiern?" (Phase 2, 28/2008) der deutschen Gruppe ,,redical [m]" abgeschrieben. Weil die verschiedenen Phrasen des Originalartikels im Readerartikel aber umgestellt wurden, ergeben sich subtile Bedeutungsunterschiede:

,,Praxis ist die Transformation des gesellschaftlichen Seins, also die Aneignung der materiellen Grundlagen von Gesellschaft mit dem Ziel, die kapitalistische Produktionsweise zu überwinden", heißt es im Phase2-Artikel. ,,Die Transformation des gesellschaftlichen Seins lässt sich lediglich durch die Aneignung der materiellen Grundlage des ökonomischen Systems erreichen, verbunden mit dem Ziel, die kapitalistische Produktionsweise zu überwinden", steht im Readerartikel. Was im ersten Fall noch eine Begriffsbestimmung wäre, ist im zweiten Fall schon ein Aufruf zum Reformismus (denn wie soll die ,,materielle Grundlage des ökonomischen Systems", wohl unter derzeitigen Bedingungen - mangels revolutionärem Subjekt -, ,,angeeignet" werden? Es verbleibt so alleine die altbekannte Möglichkeit: ,,Marsch durch die Institutionen").

Schon im Phase2-Artikel ist angelegt, was im Artikel des Antifa-Readers vollends zur Geltung kommt: Ein fetischisierter Begriff von Theorie und Praxis. Es wird zwar andauernd von einer ,,dialektischen Einheit von Theorie und Praxis" gefaselt; was das bedeuten sollte, wird jedoch nicht entwickelt. ,,Eine emanzipatorische Theorie fragt nach der Aufhebung des falschen Ganzen im materialistischen Sinn, denn eine linksradikale Praxis benötigt eine Theorie, die zur Wirklichkeit hin drängt und auch den Anspruch erhebt, diese zu verändern" [S. 28]. Abgesehen von der verwirrten Vorstellung einer Theorie, die zur Wirklichkeit hin drängen soll (eine Phrase die sich auch schon im Phase2-Artikel findet; vermutlich ist Marx' Diktum von der ,,Theorie, die zur Praxis drängt" gemeint), ist hier etwas anderes als ein fetischistisches Theorie/Praxis Verständnis gar nicht mehr denkbar: Theorie, das ist Nachdenken und Lesen. Praxis, das ist auf Demonstrationen gehen, Aktionen machen, ,,Transpis" bemalen, etc.

Weil man aber wenigstens ein bisschen weiter denken will, werden die beiden Begriffe beliebig vermittelt: die Theorie gibt die Praxis vor und die Praxis muss immer theoretisch rückgekoppelt sein. Oder um es mit Stalin zu sagen: ,,[D]ie Theorie wird gegenstandslos, wenn sie nicht mit der revolutionären Praxis verknüpft wird, genauso wie die Praxis blind wird, wenn sie ihren Weg nicht durch die revolutionäre Theorie beleuchtet." (Stalin, Über die Grundlagen des Leninismus).

Weil Stalin heutzutage aber nicht mehr chic ist, müssen Theoretiker missbraucht werden die mit solchem Unsinn wirklich nichts zu tun haben. Der arme Adorno wird wieder mit der alten Leier: ,,Es gibt kein richtiges Leben im falschen" zitiert. Was dieses Zitat bedeuten könnte und welche Konsequenzen daraus zu ziehen wären, wird ignoriert. Der Satz steht beziehungslos zum Rest des Textes da. Wie er an diese Stelle kam, wird umso zweifelhafter, je weiter der Text fortschreitet. ,,Die kapitalistische Produktionsweise zwingt uns täglich in ein Konkurrenzverhältnis, welches rassistische, sexistische und antisemitische Verhaltensweise [sic!] fördert und bedingt" [S. 29]. - Ob nun fördert oder bedingt, scheint keinen Unterschied mehr zu machen? Und weiter: ,,Daher gilt es [sic!] nicht dem Kapitalismus ein menschliches Antlitz zu verpassen, sondern ihm seine Maske der konkreten und abstrakten Ausbeutung zu entreißen" [ebd.]. Wenn man dem Kapitalismus nun seine ,,Maske der konkreten und abstrakten Ausbeutung" entreißt, was findet man dann darunter? Und ist es nicht doch eher so, dass es im Kapitalismus gerade umgekehrt ist - dass also ,,konkrete und abstrakte Ausbeutung", eben nicht sichtbar sind, sondern verschleiert?

Weil die Verhältnisse keine schönen sind, versucht die Linke dem zu entfliehen. Eine scheinbar berechtigte Vorstellung. Doch ,,[d]azu bedarf es eines Ortes neben der Gesellschaft an dem die Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise außer Kraft treten, um zumindest wenige Stunden dem ansonsten grauenvollen Alltag zu entfliehen. Ist diese Vorstellung zwar berechtigt, scheitert deren Umsetzung jedoch an einem falschen Verständnis von Theorie und Praxis" [ebd.]. Aller Betonung von Dialektik und Materialismus zum Trotz, sollen es plötzlich nicht mehr die gesellschaftlichen Verhältnisse sein, die derartige Vorstellungen von vornherein zum Scheitern verurteilen. Idealistisch verdreht, soll dieser Wunsch stattdessen angeblich an ,,einem falschen Verständnis von Theorie und Praxis" scheitern.

,,Hört auf zu kochen, organisiert euch!" heißt es in der Überschrift auf S. 31. Das soll offenbar eine ,,lustige" Anspielung auf die in linken Kreisen notorischen ,,Volxküchen", oder liebevoll abgekürzt ,,Voküs", sein. Diese ,,Volxküchen" sind eine Art autonomes Franchiseunternehmen. Egal wo man isst, es schmeckt immer gleich. Anstatt aber auf die offensichtlichen Mängel dieser ,,Voküs" einzugehen - der Einheitsgeschmack, die miserablen hygienischen Bedingungen unter denen gekocht wird, das gemeinhin Müll verkocht und aus all dem auch noch ein Lifestyle gemacht wird - wird herumgenörgelt, dass es sich dabei um Voküs und nicht um einen Revolutionskochtopf handelt, um als Alternative dazu ,,Organisation" anzupreisen. Zu welchem Zweck? Für die ,,dialektische Einheit von Theorie und Praxis"?

Auch das fetischistische Theorie-Praxis Verständnis mündet gegen Ende des Artikels in folgendem, bemerkenswerten, Satz: ,,Die Kämpfe, die eigentlich draußen [!] stattfinden sollten, werden nur noch drinnen [!] zelebriert, in Internetforen oder in der selbstverwalteten WG ums Eck, ohne jegliche gesellschaftliche Relevanz" [ebd.] (III). Der sehr richtige, wenn auch heute meist völlig falsch verstandene, feministische Spruch: ,,das Private ist politisch" wird hier auf absurdeste Weise verkehrt. Während an der Freiraumideologie gerade noch bekrittelt wurde, dass diese glaube, sie sei von den gesellschaftlichen Verhältnissen abgespalten, wird plötzlich eine öffentlich/privat (= drinnen/draußen) Dichotomie aufgemacht. Wie die "Kämpfe" mit "gesellschaftliche[r] Relevanz" aussehen sollen, wäre angesichts der gesellschaftlichen Verhältnisse durchaus interessant zu erfahren. Es steht zu befürchten, dass sie ein Synonym für Antifa-Demonstrationen sein sollen.

Dieses sprachliche Unglück, das alle Artikel des Readers durchzieht, ist nichts zufälliges, nichts diesem spezifischen Politikverständnis äußerlich hinzutretendes, sondern ist nur im Zusammenhang mit den jeweiligen Inhalten zu verstehen. Das Bedürfnis nach einer hochtrabenden Sprache, gepaart mit der Unfähigkeit einen geraden Satz zu schreiben, steht in engem Zusammenhang mit der eigenen Theorie - oder besser gesagt: Nicht-Theorie.

Wenn der einzige Vorwurf, der in diesem Reader an die (autonome) Linke formuliert wurde, jener ist, nicht organisiert zu sein und ,,die Kämpfe" ,,drinnen" statt ,,draußen" zu führen, um dann den Leserinnen zu empfehlen - statt sich wenigstens mal ein paar eigene Gedanken zu machen - sich nach einem stalinistischen Theorie-/Praxisverständnis zu organisieren, wird der sonst so gern beschworene "emanzipatorische Gehalt" vollends fragwürdig.

Im Mittelpunkt stehen das Managementdenken und der Wunsch, dass ,,die Linke" in Österreich endlich wieder eine Relevanz hätte - beides ist das Gegenteil von Kritik. Und weil manch einer sich das so dringend wünscht, fällt auch der dringend notwendige Bruch mit dieser Linken so schwer. Es ist eine offensive Defensivität, die zwischen den Zeilen hervorblitzt. Vielmehr versuchen sie, sich in Polemik und Besserwissertum, weil man sich über die Anderen erhaben dünkt ohne aber tatsächlich einen inhaltlichen Bruch riskieren zu wollen - schließlich geht es ja um die Bündnisfähigkeit. Obwohl betont wird, wie kontrovers man doch gerne wäre, und wie wichtig Diskussion sei, wird letztlich jeder Kontroverse aus dem Weg gegangen.

Das Grundproblem des Readers ist sein Thema - der WKR-Ball. Dessen Belanglosigkeit wurde nie reflektiert. Sicherlich könnte man anhand des WKR-Balls allerlei interessante gesellschaftliche (und allenthalben auch innerlinke) Funktionsweisen analysieren. Aber nur wenn man sich der Nichtrelevanz des WKR-Balls selbst auch tatsächlich bewusst ist. Der Protest dagegen, dass sich 2000 Nazis einmal im Jahr in der Hauptstadt eines Landes mit gefühlten zwei Millionen Nazis treffen, kann nicht das Bestimmende antifaschistischer Arbeit sein. So trägt dieser Reader letztlich zu einer Verklärung der Verhältnisse bei.

(I) Diese Phrase ist offensichtlich dem ähnlich dämlichen ,,unibrennt"-Spruch ,,Wir müssen in Bewegung bleiben, damit wir eine Bewegung bleiben" entlehnt

(II) Alle Hervorhebungen nicht im Original.

(III) Die ,,selbstverwaltete[n] WG ums Eck" ist dabei eine besonders merkwürdige Phrase (gibt es auch ,,fremdverwaltete" WGs? Und von wo aus gesehen ist sie ,,ums Eck"? Normalerweise ist ,,ums Eck" immer relativ zum eigenen Lebensmittelpunkt. Wenn dieser aber die ,,selbstverwaltete WG" ist, wo ist dann die ,,selbstverwaltete WG ums Eck"?).