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Denken ist passiv

Ein Vortrag von Simon Sailer

Donnerstag, 19. Jänner 2012, 19:00h

Café Stein, Währingerstraße 6-8

"Der Satz, Genie sei Fleiß, hat seine Wahrheit nicht an der Kärrnerarbeit, sondern an der Geduld zur Sache. Der passivische Oberton des Wortes Geduld drückt nicht schlecht aus, wie jene Verhaltensweise beschaffen sei, weder emsiges sich Tummeln noch stures sich Verbohren, sondern der lange und gewaltlose Blick auf den Gegenstand." − Theodor W. Adorno

Geduldig sich der Bewegung einer Sache zu überlassen; etwas mit sich geschehen lassen; sich vom Gegenstand des Denkens betreffen lassen: all dies bildet die Vorraussetzung von Objektivität. Nur so vermag der Gegenstand ins Denken einzugehen. Durch Reflexion auf gemachte Erfahrung gelangt Denken über Rechnen hinaus und verwirklicht sich. Das Rechnen der Maschinen ist tautologisch − nichts kommt heraus, das nicht schon drinnen war −, weil es rein aktiv ist. So stößt es überall nur auf sich selbst. Wenn das Denken der Menschen sich dem der Maschinen annähert, das Subjekt sich durchstreicht, wird sein Denken gerade subjektiv, verliert seine Allgemeinheit und hört auf Denken zu sein.

Es ist das Passive am Denken, das es zu Denken macht. Die Aktivität darin zielt auf Erledigung und Ergebnis. Der Modus der Wissenschaft ist Rechnen und Ordnen und Schlichten. Der Konflikt in der Sache soll vom Denken befriedet werden, ohne an der Sache selbst etwas zu ändern, die so bleibt, wie sie ist − abgeschnitten. Dies geht vor sich, ohne die Sache überhaupt zu beachten. Das Einzelne stört; als unbewältigtes taugt es, wenn überhaupt, zum Forschungbereich oder zum beliebigen Ziel, an dem sich in beständiger scheinbarer Aktivität abgearbeitet wird. Aktivität und Spontaneität bedürften aber des Passiven: erst durch Besinnung auf das, was den Einzelnen angetan wird, würde ihnen ein Licht aufgehen.