additional info

...back

Kein Kavaliersdelikt. Eine feministische Kritik der ‘Definitionsmacht’


Anlässlich der aktuellen Auseinandersetzungen um die Theorie und Praxis des Konzepts der Definitionsmacht lädt die Basisgruppe Politikwissenschaft zur Diskussion ein.

Vortrag mit anschließender Diskussion
12.12., 19:00h
Hörsaal II, NIG

Das Konzept der Definitionsmacht wurde entwickelt als Alternative zur bürgerlichen Rechtssprechung. Es galt als Reaktion darauf, dass in Gerichtsverhandlungen Übergriffe als Kavaliersdelikte heruntergespielt wurden, Verteidiger eine Mitschuld des Opfers nachzuweisen versuchten oder Anklagen wegen Verjährungsfristen und mangelnder Beweislage fallen gelassen wurden. Entgegengesetzt wurde ein Ansatz, der stolz von sich behauptet, ohne Rekurs auf Kriterien wie Beweisbarkeit oder Unschuldsvermutung allein das subjektive Empfinden des Opfers in den Mittelpunkt zu stellen – nicht vor Gericht zwar, aber doch zumindest in der Szene. Ohne eine solche „Definitionsmacht“, sind sich deren BefürworterInnen sicher, wäre frau in der Linken Sexismus, Übergriffen und Gewalt hilflos ausgeliefert.

Beim näheren Hinsehen aber entpuppt sich dieses Konzept als anti-emanzipatorisch: Es trägt zur Relativierung von Vergewaltigungen bei und eignet sich weder zum Umgang mit sexueller Gewalt noch zu einer Kritik des Geschlechterverhältnisses, sondern es zementiert patriarchale Klischees, verewigt die Geschlechterordnung, ermöglicht eine einfache Einübung in autoritäres Denken und lässt diejenigen, die sexuelle Gewalt erlitten haben, im Stich.

Thema der Veranstaltung wird auch sein, welche Entwicklung das schon etwas ältere Dogma in den letzten Jahren genommen hat. Es ist eine sich verstärkende Tendenz zur Selbstabdichtung zu beobachten – statt des selbstbewussten „Vergewaltiger wir kriegen Euch“ früherer Tage herrscht inzwischen die Überzeugung, es ginge im Rahmen der Definitionsmacht alles schiedlich, friedlich und gewaltfrei zu. Mehr denn je kreist die Praxis um die Werkelei an Awarenessgroups, UnterstützerInnenkreisen und Täterumgangsgruppen, hinter welchen jene verstörenden Erfahrungen, den die ausgemachten Täter und Opfer verkörpern, spurlos verschwinden. Jeder politische Anspruch, diejenigen zu unterstützen, die von sexueller Gewalt betroffen sind, geht dabei flöten. In der Erklärung, man sei 'solidarisch mit dem Konzept', wird stattdessen die eigene Identität genossen.

Es referieren Carmen Dehnert & Lars Quadfasel von der Gruppe Les Madeleines (https://lesmadeleines.wordpress.com/).