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Die Kritik der Kulturindustrie und die »Gesellschaft des Spektakels«
Vortrag und Diskussion mit Claus Baumann

Ausgehend von Marx' Kritik fetischisierter Formen der bürgerlich-kapitalistischen Reproduktionstotalität haben Max Horkheimer und Theodor W. Adorno die »Kulturindustrie«, Debord die »Gesellschaft des Spektakels« einer ideologiekritischen Analyse unterzogen. Auf den ersten Blick scheinen beide Projekte eine vergleichbare zeitdiagnostische Beschreibung des consumer capitalism zu sein. So bemerken Horkheimer und Adorno etwa, dass hinsichtlich kultureller Hervorbringungen die Kulturindustrie alles mit Ähnlichkeit schlage; Debord zufolge stellt das Spektakel einen Prozess der Homogenisierung und Banalisierung dar. Die Kulturindustrie ist die Form, in der sich die »Lüge beliebig reproduzieren kann«; nahezu gleichlautend spricht Debord davon, dass im Spektakel »sich das Verlogene selbst belogen hat«. Beide Diagnosen machen des Weiteren auf eine Kolonisierung des alltäglichen Lebens der Menschen durch die Warenform aufmerksam. Insofern lässt sich fragen, wie sich diese beiden Varianten kritischer Gesellschaftstheorie zueinander verhalten, ob sich eine in die andere überführen lässt.

Bei genauerer Betrachtung zeigt sich allerdings, dass sich Schwierigkeiten hinsichtlich einer solchen Überführung auftun. Denn die ideologiekritischen Überlegungen zur Kulturindustrie von Horkheimer und Adorno und zur Gesellschaft des Spektakels von Debord reflektieren auf unterschiedliche gesellschaftliche Situationen. Entstanden Erstere am Anfang der Durchsetzung einer gesellschaftlichen Formation, die mit A. Gramsci auch als Fordismus bezeichnet werden kann, so setzten Letztere an deren Ende ein, in deren Krise sich nämlich schon eine neue Form bürgerlich-kapitalistischer Vergesellschaftung angekündigt hatte, die als post-fordistisch bezeichnet werden kann. Des Weiteren haben Horkheimers und Adornos Reflexionen zur Kulturindustrie unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Katastrophe sowie den Bedingungen us-amerikanischer Verhältnisse gestanden, während Debords Überlegungen zur Gesellschaft des Spektakels in besonderer Weise von den französischen Verhältnissen im Vorfeld des Pariser Mai 1968 beeinflusst worden sind.

Ziel des Vortrags ist es, die Spezifika beider ideologiekritischen Diagnosen exemplarisch an den Begriffen »Kulturindustrie« und »Spektakel« herauszuarbeiten, um so auf die Verschiedenheit der deutschen und der französischen Variante einer kritischen Theorie der Gesellschaft und ihrer Auffassungen von intervenierender Kritik zu reflektieren.

Claus Baumann (*1967) promovierte im Fach Philosophie an der Universität Stuttgart. Er ist Lehrbeauftrager der Universität Stuttgart im Fachbereich Philosophie sowie an der Dualen Hochschule in Stuttgart im Fachbereich Sozialwesen. Seine derzeitigen Forschungsschwerpunkte sind Dialektik, Kritik der politischen Ökonomie, Gesellschaftstheorie, politische Philosophie und Philosophie der Ästhetik.

Wann: Mittwoch, 15. Juni, 18:00 - 21:00
Wo: Hörsaal B, Hof 2, Campus - AAKH, Spitalgasse 2-4