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"Entkorkte Flaschenpost?"
Kritische Theorie und Student_innenbewegung

Die deutsche Student_innenbewegung der späten 1960er Jahre trat mit dem Anspruch auf, die bürgerliche Gesellschaft revolutionär verändern zu wollen. Zumindest in Berlin und Frankfurt gewann im SDS dabei auch die Kritische Theorie orientierenden Einfluss, die damals besonders Theodor W. Adorno in Frankfurt und Herbert Marcuse in San Diego (USA) vorantrieben. Die Kritische Theorie, die Adorno zufolge im Exil dazu gezwungen worden war, sich auf das Absenden einer "Flaschenpost" zu beschränken, war nun mit aktiven Nachfolger_innen konfrontiert, die nach eigener Aussage die revolutionäre Praxis zur Kritischen Theorie suchten. Sie kritisierten auch die politischen Haltungen etwa Adornos, wie sich zum Beispiel an den Schriften des Adorno-Schülers Hans-Jürgen Krahl zeigen lässt. Im Vortrag sollen die unterschiedlichen Reaktionen Adornos und Marcuses auf die Student_innenbewegung dargestellt und analysiert werden. Dies geschieht insbesondere anhand ihres Briefwechsels, der zwischen 1967 und 1969 thematisch um die Student_innenbewegung kreiste. Ziel ist es, in Hinblick auf die theoretische und politische Position beider Denker in den späten sechziger Jahren zu erklären, warum Marcuse die Protestbewegung so begeistert begrüßte, während Adorno sich immer mehr der Kritik des studentischen Aktionismus zuwendete. Im weiteren geht es einerseits um die Kritische Theorie, ihr politisches Selbstverständnis und ihr Verhältnis zu den Protestbewegungen der späten 1960er Jahre, andererseits wird in Rezeption der damaligen Debatten grundsätzlicher darüber nachgedacht, wie sich eine kritische Theorie der Gesellschaft gegenüber radikalen Protestbewegungen verhalten kann. Mit Adornos und Marcuses Ausführung liegen für diese Fragestellung gleichsam zwei Extrempositionen vor, von denen keine - so die These des Referenten - als die "richtige" bezeichnet werden kann. Vielmehr zeigt der Streit zwischen den beiden Denkern, dass alle Überlegungen etwa zum Verhältnis zu Theorie und Praxis falsch bleiben müssen, solange die gesellschaftlichen Verhältnisse die falschen sind. Daher verspricht eine Reflexion über die Beschränktheit jeder eindeutigen Stellungnahme mehr Erkenntnisgewinn, als es eine jede Positionierung könnte.

Vortrag und Diskussion mit Hanning Voigts
Wann: 11.05.2009 20 Uhr
Wo: HS II NIG (Erdgeschoß), Universitätsstr. 7

Eine Veranstaltung der Basisgruppe/Studienvertretung Politikwissenschaft